Landschaft bewusster wahrnehmen

Achtsamkeit, Entschleunigung, sich bewusst Zeit nehmen – alles „gut gemeinte“ Schlagworte, in einer sich immer schneller drehenden Welt? Die Idee dahinter, ist tiefgreifender. Auch wenn sich auf Anhieb das Bewegen in der Landschaft, ganz gleich ob mit oder ohne Kamera nicht anfühlt, als würde da draußen etwas mit mir passieren, so wirkt Landschaft als reduzierte Natur dennoch auf mich ein. Und das wirkt sich auch auf meinen Blick auf die Motive vor Ort aus.

…was Gehen, Atmen und Innehalten mit Geist und Körper machen

Mir bewusst Zeit zunehmen für draußen, ist das eine. Das andere, ist auf das zu achten was mir draußen, in der Landschaft entgegentritt. Bringe ich jetzt noch die Achtsamkeit mit ins Spiel, geht es darum, sich gewahr zu werden, was die Landschaft als mein Gegenüber in mir auslöst, wie Berührungen durch nasse Gras oder der nachgebende Boden auf mich wirken. Mit dem Blick auf die Slow-Photography habe ich das erst kürzlich in der NaturFoto (Ausgabe 11/2026) sowie in meinem Blog-Beitrag Slow-Down – Slow-Photography aus dem September’25 angesprochen.

Hier stelle ich die praktische Fotografie einmal hinten an und gehe der Fragestellung nach, was mit mir geschieht, wenn ich mir Zeit nehme. Zeit um genauer hinschauen und vor allem in mich hineinspüren. Das mit dem Spüren ist so eine Sache, lenkt der technische Aspekt der Fotografie doch gerade zu perfekt davon ab, auf sich selbst zu achten. Und was die Technikbegeisterung nicht schafft, dass übernimmt vor Ort das Ablenkungspotenzial Handy mit all seinen Spielereien.

Das sich der Aufenthalt in Natur- wie Kulturlandschaften auf unser physisches wie psychisches Wohlbefinden auswirken ist durch Forschung und Wissenschaften gesichertes Wissen. Beispielsweise werden positive Emotionen verstärkt, während sich negative Emotionen entlasten. Allgemein wirkt eine „schöne“ Aussicht, die wir in der Landschaft genießen beruhigend, entspannend. Unsere Kreativität ebenso wie unsere Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit nehmen zu. Im Gegenzug nehmen Verspannungen, Ängste bis hin zu Depressionen oder gar Aggressivität ab.

Warum denn jetzt noch dieses genau in sich hineinversetzen? „Ich will“ doch nur draußen sein und Fotografieren! Was will ich fotografieren? Will ich eine detailgetreue Kopie der physischen Realität, die vor mir liegt? Berührt mich neben dem Blick in die Landschaft vielleicht das atmosphärische vor Ort? Ja das tut sie! Mein Versuch ist es diese zu ergründen, um sie schließlich auch zu transportieren. Um dieser Atmosphäre, die diesen Ort und Moment ausmacht näherzukommen, ist es für mich unabdingbar auf mein inneres zu Achten sowie einzugehen.

…sich Zeit nehmen

Viel draußen unterwegs zu sein und zu beobachten, gehört für mich zur Motivsuche – auch um zu sehen, wie eine Landschaft über das Jahr und bei unterschiedlichem Licht auf mich wirkt. Von Zeit zu Zeit ist es dabei für mich hilfreich bewusst auf Fotorucksack samt Stativ zu verzichten.

Einerseits um ein Gespür für eine Landschaft zu entwickeln. Anderseits um nicht gleich bei der erstbesten Motivmöglichkeit mit der Kamera hängen zu bleiben. So behalte ich mir einen offenen Blick. Interessanter Nebeneffekt: Ich merke, wie ich mir bei solchen Erkundungsspaziergängen abseits eines städtischen Umfeldes geistige Freiräume schaffe. Ich bin in aller Regel gut gelaunt, komme guter Dinge nach Hause.rung ergeben.

…genauer hinschauen

Unterwegs im Alltag orientiert sich unser Blick für gewöhnlich auf das, was wir gerade vorhaben bzw. welches Ziel wir unmittelbar verfolgen. Plump formuliert unser Blick ist zweck- und funktionsbezogen, was unsere visuelle Wahrnehmung erheblich einschränkt. In Fotoworkshops versuche ich meine Teilnehmenden daher für das „fotografische schauen“ zu sensibilisieren. Genauer hinschauen – bedeutet für mich, die Landschaft, die sich vor mir auftut, nicht zu bewerten. Ziel ist es den vor mir – vor uns liegenden Raum eben frei von Zweck und Funktion, frei von Bewertung mit all seinen Facetten wahrzunehmen. So beispielweise wie bei einem Ausflug während einer Fotoreise (mit artistravel im August 2024 im Karwendel) auf die Zugspitze.

Die Zugspitze, mit 2.962 m Deutschlands höchstgelegener Gipfel. Ein sprichwörtlicher Touristenmagnet (bezogen auf die Tatsache, nicht auf die damit verbundenen Auswirkungen). Es gibt angeblich keinen besser erschlossenen und ausgebauten Gipfel in den Alpen als die Zugspitze. Und dennoch lassen sich mit einem unvoreingenommenen Blick beeindruckende Perspektiven entdecken. Eine davon lenkt meinen Blick immer wieder auf den Jubiläumsgart zwischen Zug- und Alpspitze. Ganz gleich, ob als Tourist von der Besucherterrasse oder als Alpinist auf dem Steig unterwegs, bei seinem Anblick wird, wie ich finde auf sehr eindrückliche Wiese die Erhabenheit (das form- wie grenzenlose, unendliche wirkende) des Gebirges nicht nur sichtbar, sie wird auch spürbar. Dies ist auch bekannt als der „Awe-Effekt“. Abgeleitet aus dem englischsprachigen von Awesome für Staunen, Bewundern oder auch Ehrfurcht. Sprach ich weiter oben schon davon, dass sich Landschaftseindrücke auf unser Wohlbefinden auswirken, sind es gerade solche beeindruckenden Momente, wie beispielsweise den Blick auf bzw. vom Jubiläumsgrat, ein alter, knorriger Baum im Wald oder eine kräftige Brandung an der Küste, die uns über die bewusste Wahrnehmung hinaus, auch emotional berühren. Das bleibt nicht ohne Folgen für unser seelisches wie geistiges Wohlbefinden. Solche Momente fördern unter anderem körperliche wie geistige Entspannung, reduzieren das Stressgefühl oder fördern unsere Kreativität. Mit Blick auf unser Zeitgefühl, wird der gegenwärtige Moment subjektiv betrachtet gedehnt, was uns geduldiger und gelassener werden lässt. Eine Erfahrung die ich auch gerne Abseits meiner fotografischen Arbeit in meinen alltäglichen Blick mit einfließen lasse. Gleiches gilt übrigens auch für besondere Lichtstimmungen die sich bedingt der Witterung ergeben.

Um noch einmal auf die Zugspitze zurückzukommen. An jenem späten Nachmittag zur Abenddämmerung hin, zog in Windeseile eine gewittrige Wolkenfront über die drei Gipfelspitzen der Zugspitze hinweg, welche die Felsen samt der Besucherterrassen mit einer dicken Graupelschicht überzogen. Allein die Geräuschkulisse des infernalischen Gewitters der wir geschützt in der Gipfelstation lauschten war ein Erlebnis für die Sinne. Das eigentliche, visuelle Schauspiel stellte sich allerdings erst im Anschluss an das Gewitter ein. Denn jetzt veränderte sich mit der einsetzenden Abenddämmerung der „ton-local“ (die vorherrschende Farbgebung der Region, hier also der Gipfel, unter Berücksichtigung der Witterung). Die nassen Felswände, sowie die vom Graupel weißgetünchten Besucherterrassen sowie die abziehenden Wolken wurden von der tiefstehenden Sonne in eine orange-rotes Licht getaucht. Ein Erlebnis das sich in Verbindung mit der Zugspitze für lange Zeit meine Erinnerungen eingenistet hat.

Lenken wir unseren Blick noch einmal auf das „genau hinschauen“. Ein nicht unwichtiger Nebenaspekt wie ich finde ist das Ablenkungspotenzial vor Ort. Dabei geht nicht darum sich von Geräuschen oder sich ergebenen Situationen ablenken zu lassen. Ich ziele, wie im Blog-Beitrag Slow-down schon angesprochen, auf den unentwegten Blick auf das Handy ab. Sei es, um abzuchecken, ob hier auch zwingend eine deckungsgleiche Perspektive des Motivs nachfotografiert, wie es auf irgendeiner medialen Plattform gepostet wurde. Oder dass wir uns informieren, was gerade auf, in der Welt um uns herum passiert. Interessant in diesem Zusammenhang: Bei Führungen durch Kunstmuseen erinnern sich Besucher die von Zeit zu Zeit zum Handy griffen, sei es, um die Werke abzufotografieren oder sich anderweitig mit Informationen versorgten, an weniger inhaltliche Einzelheiten wie Besucher, die sich voll und ganz auf die Ausstellung konzentrierten. Ebenso verhält es sich mit der räumlichen Orientierung innerhalb des Museums. Dann doch lieber bewusst im Hier und Jetzt!

…in sich hineinspüren

Die eigene innere Stimmung, die uns vor Ort erfasst und begleitet lassen wir unterwegs gern mal außen vor – unberücksichtigt. Auf der Zugspitze sei es mit dem Blick über den Jubiläumsgrat oder auch der beschriebenen Lichtstimmung nehmen wir sie dennoch wahr, denn beides waren außergewöhnliche Momente. Tauchen wir einmal ein in eine der zahlreichen Klammen am Fuß des Wettersteingebirges.

Unterwegs in der Leutaschklamm ist der kühle Luftzug gut zu spüren. Mal ist es ein kühler Hauch, der mich frösteln lässt. An der nächsten Biegung sind es die wärmenden Sonnenstrahlen und die Gänsehaut weicht – ein inniges wärmendes Gefühl, während mir mit dem Passieren des Felsvorsprungs die Gischt des Wasserfalls ins Gesicht weht, der sich bereits einige Meter vorher tosend ankündigte.

Mit dem Blick auf meine „innere Achtsamkeit“ wende ich mich meinen inneren Bildern zu, die ausgelöst werden durch meine Körperempfindungen, eben diesen gerade beschriebenen Luftzug, der mal wärme, ein andermal kühle bringt. Der tosende Wasserfall der mich vor ihm stehend anbrüllt, die feuchte Luft, die mich den Fels schmecken auf der Zunge lässt. Ebenso verrät dieser Blick auch viel über meine ureigene Verbindung zur Natur. Empfinde ich diese beispielsweise beruhigend – kraftschöpfend oder doch eher bedrohlich, beängstigend.

Empfinde ich eine Landschaft bzw. die Natur, in der ich mich bewege als kraftschöpfend, merke ich auch wie meine Atmung ruhiger, tiefer, gleichmäßiger wird. Gleiches gilt für meinen Herzschlag, er verlangsamt sich. Und ich habe den Eindruck das parallel dazu mit jedem Atemzug auch mein Nervenkostüm entspannt – aktiver Stressabbau. Hier darf ich einfach sein, ohne etwas leisten zu müssen, ohne irgendwelchen Erwartungshaltungen zu entsprechen oder eine Gegenleistung erbringen zu müssen.

Apropos bewusstes Atmen im Alltag – wer sich hier näher mit beschäftigen möchte, im Blog von huuman gibt es einen lesenswerten Beitrag hinsichtlich Atmung und Stressabbau.

…was uns mit einem Ort verbindet

Verbindet uns etwas mit einem Ort? Meine persönliche Meinung: Ja! Das kann eine einfache Metapher sein, mit der ich einen Landschaftsausschnitt mit meinem inneren Zustand, beispielsweise mit innerem Frieden oder auch Melancholie versinnbildliche. Ebenso kann ein realer, geografischer Ort aufgeladen durch persönliche Erinnerungen wie auch / Gefühle eine tiefgreifende emotionale Verbindung mit einer Landschaft widerspiegeln.

Das können sowohl Orte in der unmittelbaren Umgebung sein, zu denen wir uns hingezogen fühlen, die wir immer wieder aufsuchen. Gleichsam können das Orte sein, in die wir uns Wünschen – aus unterschiedlichsten Beweggründen. Für mich beispielsweise ist die Wüste eine solcher Ort – eine Seelenlandschaft. Sie zeigt mir immer wieder auf sehr eindrückliche Weise, wie…

  • vergänglich ein Moment in Gegenwart der Ewigkeit ist
  • aufgewühlt ich selbst bin, während mich absolute Stille umgibt
  • kaum vorstellbarer, weiter Raum begrenzt wird durch die eigenen physischen wie psychischen Möglichkeiten (=Grenzen)

Oder wie ein arabisches Sprichwort besagt: „Wasser reinigt den Körper – die Wüste reinigt die Seele“.

Muss ich für solche inneren Bilder, Gefühlsweilten extra in die Wüste fahren? Ich vermute dass Jede wie Jeder seinen eigenen Seelenort – seine Seelenlandschaft näher oder vielleicht auch weiter weg entdeckt – vielleicht auch schon entdeckt hat.

Abschließend nochmal ein Blick in die Welt der wissenschaftlichen Studien. Mit Blick darauf ob und vor allem wie sich der Aufenthalt draußen in Landschaft und Natur auf Geist und Körper auswirken, zeigen das sich ein täglicher Aufenthalt von ca. zwei Stunden positiv auf Probanden auswirkte. Würde ich deshalb so weit gehen und meine Art der Landschaftsfotografie als Therapie zu bezeichnen? Selbstverständlich nicht! Dennoch genieße ich die Zeit draußen, nah und fern zum Fotografieren ebenso wie einfach zur Ruhe zu kommen – auszuspannen, neue Ideen zu sammeln. Die entstehen häufig wie auch so manche Landschaftsszene auf ausgedehnten Spaziergängen…

Lust auf mehr Achtsamkeit oder Entschleunigung?

Für mehr Achtsamkeit und ein genaueres Hinschauen mit Blick auf die Landschaftsfotografie, bieten die Titel „Der achtsame Blick: Kreativ Fotografieren mit Inspiration“ von Sophie Howarth (ISBN: 978-3038762379) sowie „Im Augenblick. Ein Wegweiser zu achtsamer Fotografie“ von Paul Sanders (ISBN: 978-3791393933) einen tieferen Einblick. Mit dem Fokus auf die alltägliche Welt würde ich von Reinhard Deichgräber „Biotope für die Seele“ (ISBN: 978-3525633670) sowie „Landschaft als Entdeckungsreise“ von der Autorenschaft Schürger, Bockemühl, van Elsen u. Bockemühl (eine Kurzvorstellung des Titels findet sich im Blog). Einen eher wissenschaftlichen Blick verfolgt der Augsburger Humangeograf Joachim Rathemann mit seinem Titel „Therapeutische Landschaften“ (ISBN: 978-3658320553). Neben dem Lesestoff, bietet vielleicht auch die oben erwähnte Plattform von huuman die eine oder andere Idee für mehr Achtsamkeit oder Entschleunigung im Alltag.