Mit artistravel im Karwendel

Das Karwendel – ein Gebirge, eingebettet zwischen Bayern und Tirol am nördlichen Rand der Kalkalpen, lockt interessierte mit alpiner Ursprünglichkeit, wild anmutenden Flusstälern, Schluchten ebenso wie historischen Kulturlandschaften. Es beherbergt auch das größte Naturschutzgebiet in den Ostalpen (zwischen Bodensee und Wiener Wald). Auch wenn unsere Fotoreise, organisiert von artistravel den klangvollen Namen dieser mächtigen Gebirgsgruppe im Titel trägt, fanden wie auch in den umliegenden Gebirgen eine Vielzahl von Motiven.

Ausgangsbasis, war auch in diesem Jahr die Marktgemeinde Mittenwald am Ufer der noch jungen Isar. Hier, kurz vor der Grenze ins benachbarte Tirol, nutzten wir das Post Hotel, in dem bereits ein Reisender Namens Johann Wolfgang von Goethe auf seinem Weg nach Italien im September 1786 logierte.

Nach unserer Begrüßungsrunde am Sonntagabend, legten wir am Montagmorgen direkt mit der Morgendämmerung im „Oberen Isartal“ los. Der grüne Fluss, wie die Isar auch liebevoll benannt wird, fließt hier zwischen Karwendel, rechts gelegen und den sogenannten Isar-Vorbergen zu ihrer linken, in einem breiten Schotterbett, dass an einen ursprünglichen Alpenfluss erinnert. So schön die Kulisse auf den ersten Blick wirkt, ist es lediglich eine Restwassermenge, die hier den Fluss mit den einmündenden Seitenbächen am Leben erhält. Die Hauptlast des Isarwassers, wird in Krün ausgeleitet und wie verschiedene andere Fließgewässer der Region zur Energiegewinnung in den nahegelegenen Walchensee umgeleitet. Das führte über die Jahrzehnte zu allerlei Veränderungen der alpinen Flusslandschaft, die wir hier mit den einsetzenden Herbstnebeln als Fotomotiv nutzen. Ungeachtet der Veränderungen genießen wir diesen Hauch von kanadisch anmutender Wildnis.

Wieder in der Unterkunft angekommen, geht es schnurstracks zum Frühstücksbuffet mit seinen unterschiedlichsten Heißgetränken. Frisch gestärkt, widmen wir uns mit einem theoretischen Block der Bildgestaltung wie auch der Wahrnehmung von Landschaft sowie dem Herausarbeiten von Motiven. Zum späten Nachmittag brechen wir erneut auf. Auch wenn die Fotografie im Vordergrund steht, legen wir einen Zwischenstopp ein, damit die Gruppe mit persönlichen Snacks und Getränken versorgen kann. Anschließend geht es, jetzt mit Tageslicht und ohne Nebel, bei sonnigem Wetter erneut über die kleine Mautstraße zwischen Wallgau und Vorderriß entlang der Isar. Im Tiroler Teil des Rißbachtal angekommen, wartet dieses mit kleinen Schluchten wie auch weitläufigen Schotterfluren auf. Für das leibliche Wohl zwischen unseren kreativen Phasen, bot uns die Speisekarte des Natur.Erlebnis.Hotel POST in Hinterriß eine sättigende Auswahl.

Dienstagmorgen wollten wir „eigentlich“ in Richtung Wagenbrüchsee, eher bekannt als Geroldsee aufbrechen. Doch hatte die lokale Witterung für uns einen anderen Tagesablauf vorgesehen. Wir frühstückten bei strömenden Regen und verabredeten uns der Witterung angepasst im Seminarraum. Ein kurzweiliger Exkurs in die Bildbearbeitung sowie rückblickend auf den Vortag, tauschten wir uns über bewusste Wahrnehmung und das Erkennen von Motivmöglichkeiten und Herangehensweisen aus.

Am späteren Vormittag nutzten wir eine Regenpause und machten uns auf den Weg. Wasserfälle, frisch befüllt, sollten sich jetzt gut in Szene setzten lassen. Und so legten wir anfangs noch trockenen Fußes unterhalb des Sachensees am Obernachkanal los. Die trockene Witterung währte allerdings nicht allzu lange, so dass wir am Heckenbach mit Regenschirm und Regenhülle über dem Fotorucksack unter Glück versuchten.

Ordentlich durchnässt, kehrten wir der Region den Rückenzug und machten uns auf den Weg in Richtung Saulgrub am Fuß der Ammergauer Alpen. Ausschlaggebend dafür war der Blick auf das Regenradar. Unterstützt wurde unsere Entscheidung durch die Schönegger Käse-Alm südlich von Rottenbuch. Bei frischem Bergkäse und Buttermilch trockneten unsere Hosen und Jacken, bevor wir uns der Ammer zuwendeten.

Die Ammer, entspringt dem gleichnamigen Gebirge, den Ammergauern auch bekannt als Ammergebirge oder Ammergauer Alpen. Ein Blick auf die Karte lässt erkennen, dass der Flusslauf, kurz nach seinem Quellgebiet für den Hochwasserschutz von Oberammergau vollständig verändert wurde, dennoch zählt der Fluss in seinem weitern Verlauf zum Ammersee hin zu den letzten Wildflüssen Deutschlands. Und so nutzten wir nahe Kammerl das Ammertal am Eingang der Ammerschlucht, wo sich der Flusslauf in den vergangenen Jahrtausenden über mehrere Kilometer bis zu 80 m tief in den weichen Grund eingegraben hat.

Wieder am Auto angekommen, wollten „eigentlich“ wir zum Abendessen aufbrechen. Was wir auch taten, doch hatten alle Restaurants, die wir ansteuerten bereits ihr Tagwerk vollrichtet – sprich die vorbeikommenden Reisenden abgefüttert und frönten bereits dem wohlverdienten Feierabend. So blieb uns nichts anderes übrig, als uns direkt unserem Abendmotiv am Ufer des Eibsees zuzuwenden.

Bereits auf dem Weg vom Parkplatz gegenüber der Zugspitzbahn oberhalb des Eibsees präsentierte uns erste Perspektiven. Am See angekommen, nahmen wir ernüchtert den Pegelstand zur Kenntnis. Oder mit anderen Worten beschrieben: Es klaffte ein großer Kiesstrand zwischen Uferkante und Seewasser, den ich persönlich so das erste Mal gesehen habe. Das sollte uns sicherlich nicht vom Fotografieren abhalten, doch erforderte es neben Geduld auch eine gehörige Portion geduldiger wie überzeugender Worte, die Abendgäste zu ermuntern, dass sie eben nicht durch unser Motiv laufen oder sich hinsetzten.

Auf dem Weg in Richtung Hotel, legten wir noch vor Grainau auf der Höhe von Aigen einen spontanen Fotostopp ein. Der aufsteigende Bodennebel in der Abenddämmerung verzaubert die dort stehenden Almhütten wie auch die wenigen freistehenden Bäume. Die Kulisse erinnert mich an die mystischen Stimmungen des japanischen Landschaftsfotografen Takeshi Shikama. Hier bot sich für mich eine Bildentwicklung in Sepia einfach an. Ebenso, wie das quadratische Bildformat, um den Blick innerhalb des Bildes zu verstärken.

Noch vor dem Frühstück, brachen wir am Mittwochmorgen in Richtung Garmisch-Partenkirchen auf. Für unseren ersten Spott steuerten wir den künstlich angelegten Riessersee an. Von seinem Ostufer aus lassen sich die senkrecht emporragenden Felswände der Alp- und Höllentalspitzen zur Linken sowie die Waxensteiner zur Rechten gut in der Morgensonne in Szene setzten – wenn die Witterung samt Licht mitspielt. Nach einem kurzen rötlichen Aufflammen verlegten wir unsere Aktivitäten dann allerdings an den Wamberg. Bekannt ist der Blick auf die kleine Dorfkirche mit dem Wettersteinmassiv im Hintergrund. Weniger bekannt sind die kleinen Holzhütten, die sich bereits vom Talgrund bis zum Dorf hinauf erstrecken. Mein Tipp: sich einfach mal Abseits der Hot-Spot auf die Motivsuche einlassen.

Wieder im Hotel zurück galt unsere Aufmerksamkeit dem Frühstücksbuffet wie nachfolgend dem Seminarraum mit einem Blick auf die Bilder der vorangegangenen Tage. Gegen Mittag ging es dann durch das Loisachtal vorbei an Ehrwald an den Fernpass. Auf Höhe des Rasthofes Zugspitzblick bietet sich eine gute Perspektive mit Blick auf das Zugspitzmassiv umrahmt von den Lechtaler Alpen (linker Hand) und den Ausläufern der Mieminger Kette (rechter Hand). Im Bildvordergrund liegt der Blindsee eingebettet von Bergwald. Überthront wird diese wild – ursprünglich anmutendes Alpenlandschaft von einem weißen, zerrissenen Wolkenzieren. Ein Blick ganz ohne Zivilisationsspuren? Nein! Doch weder die Hochspannungsleitung noch die Stütze der Ehrwalder Zugspitzbahn trügen diese beeindruckende Aussicht. Der Verkehrslärm der B 179, der Fernpass-Straße ist im Bild nicht existent, auch vor Ort nehmen wir diesen in unserer Euphorie nicht wirklich wahr.

Nach einer kurzen Pause am Rasthof, ging es nach Ehrwald zurück. Am Parkplatz der Tiroler Zugspitzbahn angekommen rüsteten wir uns für den Sonnenuntergang auf der Zugspitze. Die Zeit bis zur Abenddämmerung nutzten wir zum Ausprobieren verschiedener Positionen und Blickachsen. Beim Blick über den Jubiläumsgrat zwischen Zug- und Alpspitze wurde uns wieder einmal bewusst, wie „klein“ der Mensch gegenüber der Natur ist. Versinnbildlich wurde dies durch die schemenhaft wirkenden Wanderer auf dem Jubiläumsgrat. Während sich die Sonne mehr und mehr dem Abend neigte, gerieten wir mehr und mehr ins Staunen. Das Loisachtal zu unseren Füßen versank zusehends im Dunkel der Abenddämmerung, während sich die Gipfel der Lechtaler und Allgäuer Alpen am Horizont aneinanderreihten. Die tiefstehende Sonne verwandelt die flirrenden Wolkenschichten in einen feinen silbrigen Schimmer und durchflutet die Wolkenzieren mit Licht. Dankbar um jede wärmende Bekleidungsschicht harrten wir aus, bis die Sonne am Horizont versunken war. Beseelt erreichten wir kurz nach 21 Uhr die Talstation, von wo aus wir die Heimreise nach Mittenwald antraten.

Donnerstag starteten wir nach dem Frühstück mit einem kleinen Fußmarsch entlang der Isar, bis wir die Leutaschklamm – oder im touristischen Jargon die Geisterklamm erreichten. Während der obere Teil der Klamm vom benachbarten Tirol aus begangen wird, erfolgt der Eintritt in den unteren Teil, dem sogenannten Wasserfallsteig von bayerischer Seite. Unterwegs auf dem Steig in die Enge der Klamm, erinnerten wir uns an den Theorieteil am ersten Tag unserer Fotoreise. Mit Blick auf die ästhetische Wahrnehmung, brachte ich die platonischen Sinne (sehen, hören, reichen, schmecken, fühlen) ins Spiel. Als Beispielbild nutzte ich dabei die Partnachklamm aus dem benachbarten Garmisch-Partenkirchen. Es ging um das Spüren: der Luftzug, dessen Temperatur sich mit jeder Biegung des Steigs verändert, ebenso wie die Geräuschkulisse oder auch die fein, zerstäubte Gischt gleichermaßen, was die Enge mit uns selbst macht. Allessamt Aspekte, die sich nicht nur hier in der engen Klamm auf unsere Motivfindung auswirken.

Die Mittagszeit nutzen wir für persönliche Erledigungen, bevor wir gegen 17 Uhr in Richtung Gerold aufbrechen. Gerold – das ist doch der Blick über die Almhütten und den tiefergelegenen See auf das Karwendelgebirge? Genau, dass ist eine der möglichen Perspektiven zwischen Oktober und März. In den Sommermonaten ist diese Perspektive zwischenzeitlich „gesperrt“! Mit reichlich Geduld hat der Grundstückeigentümer Fotografierende toleriert. Es brachte Wegeempfehlungen aus, die in aller Regel zur Morgen- wie Abenddämmerung ignoriert wurden. Schließlich sprach das Landratsamt ein Machtwort aus: „Betretungsverbot zwischen dem 1. April und 31. September“. Unter uns: das Seeufer mit den zahlreichen Almhütten, Buckelwiesen, dem konturenreichen Waldrand, der Schilfgürtel – es bieten sich reichlich Motivmöglichkeiten abseits dieses einen eingangs erwähnten Hot-Spots. Hier half uns der Bildstil Intimate Landscape (Naturfoto 05/2023, Landschaften porträtieren – das Konzept von »Intimate Landscapes«) bei der Motivfindung.

Kaum zu glauben, dass wir bereits an unserem letzten Exkursionstag angelangt sind. Auch wenn sich der Titel unserer Fotoreise auf das Karwendel bezog – für diesen Freitag benötigten wir ein Ausweichziel, da sich hier ein breites unnachgiebiges Regenband ankündigt. Ein Blick auf die Wetterkarte versprach einen trockenen Sonne-Wolkenmix entlang des Alpenhauptkamms. Mit einer vertretbaren Anfahrt schlage ich neben dem Stubaital auch das Ötztal vor. Die Gruppe entschied sich für die Aussichtsplattform „Top of Tyrol“ im „Königreich des Schnees“, dem Stubaital. Diese erreichten wir mit Hilfe der Stubaier Gletscherbahnen von der Mutterbergalm am hinteren Tal-Ende. An der Bergstation des Eisgrates hieß es umsteigen in die Kabinenbahn hinauf zur Schaufelspitze. Die letzten Meter ging es von der Bergstation über eine Stahltreppe hinauf zur Aussichtsplattform. 3.210 m hoch eingebettet zwischen Schaufel- und Stubaier Wildspitze lagen uns die Gletscher zu Füßen. Für mich ist es nach gut 20 Jahren ein Wiedersehen mit der Stubaier Gletscherwelt. Damals am Zuckerhütel auf Hochtour, davor in den 1990iger Jahren zum Skifahren. In den Sommermonaten hatte ich dieses Skigebiet zuvor noch nicht gesehen. Fotografisch boten sich uns Motive unter dem Bildstil „New Topographic Movement“ (die Fotopuls-Sonderausgabe „Landschaft fotografieren spezial“ bietet auf Seite 38 einen Blick auf die Idee dieses aus den USA kommenden Bildstils), weit entfernt von romantischen oder idealisierenden Naturdarstellungen – dennoch interessante Perspektiven. Emotional war es eher eine ernüchternde Bestandsaufname unter dem Gedankengang „Wieviel Natur benötigt Tourismus – wieviel Tourismus verträgt Natur?“ Eigentlich eine eher philosophische Fragestellung, da uns bewusst ist, dass auch wir mit unserer Gruppe Teil dieser Tourismus-Maschinerie sind.

Wieder im Tal angekommen, nutzten wir die den Gawa-Wasserfall, kurz bevor der Gletscherbach in die Ruetz mündet. Die kleine hölzerne Brück über die Ruetz zwischen dem Gawa Observation Deck und dem Parkplatz nutze ich für meine letzte Aufnahme im Verlauf der Fotoreise.

Eine kurzweilige Woche! Sie führte uns sowohl ins Karwendel wie auch in angrenzende Gebirgsgruppen. Unerwartet, der Witterung geschuldet auch an den etwas südlicher gelegenen Alpenhauptkamm. Alles samt eindrucksvolle Naturerlebnisse mit reichlich Arbeit für die digitale Dunkelkammer zu Hause, wie mich die Gruppe wissen ließ. Für ein Eis oder etwas Müßiggang war allerdings wenig Spielraum in unserem Zeitplan.

Für mich lagen viele der Spots mehr oder weniger im nähren Umfeld. Und doch habe ich verschiedene Dinge auch wieder mit einem anderen, neuen Blick entdeckt. Ich denke, das ich mich hier in den kommenden Tagen bei passender Witterung auf die Ausschau nach weiteren Motivmöglichkeiten und Perspektiven machen werde.

Bevor ich mich jetzt für artistravel auf die Sächsische Schweiz im Oktoer vorbereite, freue ich mich auf die Kurische Nehrung mit reichlich Ostsee-Feeling, wo ich für Thürmer Tours noch im September unterwegs bin.