Regen – lange haben wir auf ihn gewartet. Nur warum genau am vergangenen Mittwoch, wo wir uns einen stimmungsvollen, farbenprächtigen Sonnuntergang auf der Zugspitze erhofften? Landschaften fotografieren mit Erwartungshaltungen – eine Herausforderung. Klar hoffen wir, wenn wir uns auf den Weg machen auf stimmungsvolle Lichtsituationen. Was die Witterung dann allerdings liefert, ist nicht unbedingt, dass was wir uns als Fotografierende vor Ort erhoffen.
So erging es mir gestern, am Mittwochnachmittag und Abend mit einer Gruppe der Lighthouse Fotoschule an der Zugspitze. Der Wetterbericht kündigte bereits für die Nachmittagsstunden starke Regenfälle an. Diese bescherten mir auf der Anfahrt in Füssen einen gefühlten Weltuntergang. In Reute hingegen, alles trocken, die Sonne zeigt sich durch großflächige blaue Störungen am Himmel. An der Talstation der Tiroler Zugspitzbahn oberhalb von Ehrwald angekommen, brachen wir dann auch direkt nach der Begrüßungsrunde auf in Richtung Gipfelplateau.
Die Gondel tauchte oberhalb der Wiener Neustädter Hütte (2213 m) in die dichte Wolkenschicht, die den Gipfel umgab, ein und lieferte uns Zielsicher am Westgipfel ab. Eine Erkundungsrunde mit eingeschränkter Sicht ließ erahnen, was sich uns an Motiven bieten könnte. Wir entschieden uns, solange die Gastronomie noch geöffnet war für ein Heißgetränk im Warmen auf bayerischer Seite.
Unsere Pause währte nicht allzu lange, als sich die Wolkenschicht in Windeseile auflöste. Jetzt war schnelles Handeln erforderlich oder anders formuliert, es ging von Null auf Hundert. Die Täler samt Wolkenzieren in den Gipfelbereichen leuchteten im späten Nachmittagslicht. Diese beeindruckende Lichtstimmung hielt für ca. 30 min an und erlosch genauso unvermittelt, wie sie uns erreichte.
Wind- und Wettergeschützt haben wir uns in den Übergang zwischen Tiroler und Bayerischer Seite zurückgezogen. Während wir uns über die Fotografie und die damit verbundenen Erlebnisse austauschten, erreichte uns der angekündigte Regen. Ein Abstecher in das neu gestaltete Museum zum 100jährigen Bestehen der Tiroler Zugspitzbahn lenkte zwar kurzzeitig vom Regen ab. Jedoch wurde uns mehr und mehr bewusst, dass wir unsere Chance auf stimmungsvolle Landschaftsperspektiven bereits ausgeschöpft haben.
Nach Rücksprache mit dem wettererprobten Personal der Zugspitzbahn, entschlossen sich die ersten unserer Gruppe für die Talfahrt mit anschließendem Heimweg. Ich harrte noch, in der Hoffnung auf Wetteränderung bis ca. 20 Uhr aus, bevor ich die Talfahrt antrat. Wieder im Tal ging es dan auch für mich durch den strömenden Regen auf den Heimweg.
Warum bei einer solchen Wettervorhersage überhaupt aufbrechen? Die Chancen bei einer solchen Wetterlage stehen 50:50. Es können sich besondere Lichtstimmungen ergeben – es kann allerdings auch einfach nur durchregnen. Wenn sich die Wolkenschicht zum Sonnenuntergang hin jedoch öffnet, ergeben sich Lichtstimmungen, die man nicht planen kann. Und genau das sind dann die besonderen Bilder inklusive der Erlebnisse, die wir mit nachhause nehmen – wenn uns denn die Witterung zuspielt.
Die Aufnahmen zu Hause im Archiv eingespielt, lassen schnell erkennen, wie sauber und klar die Luft und damit auch das Licht zwischen den Wolkenschichten in diesen wenigen Minuten war, die uns zum fotografieren blieben. Ein Blick auf die Webcam der bayerischen Zugspitzbahn, am Morgen danach zeigt die weitere Witterungsentwicklung am Gipfel – diese hätte uns auch durchaus schon gestern Abend erreichen können. Und dass wären dann genau die Witterungssituationen mit Lichtstimmungen, die sich nicht planen lassen.
Einen Blick darauf, wie unterschiedlich sich die Witterung auf dem Gipfelplateau der bayerischen wie auch tirolerischen Zugspitze ganz unabhängig von unseren Erwartungehaltungen als Fotografierende präsentierten kann, zeigt dieser virtuelle Ausflug. Die Bildstrecke entstand während verschiedener Mittwochabend-Gelgenheiten zwischen Mitte Juli und Anfang Oktober. „In einem Sommer?“ Nein nicht in einem Sommer – verteilt zwischen 2021 und 2026. Von charakterlosen, strahlend blauem Himmel, über Regenschauer bis hin zu einer sprichwörtlichen Fabexplosion nach einem Graupelschauer sowie einem sommerlichen Wintereinbruch ist alles vertreten.
Es lohnt sich, von Zeit zu Zeit immer wieder mal die selbe Location auszusuchen. Sie wird sich selten in ein und demselben Licht präsentieren. Dabei geht es weniger um die Zugspitze, die Kernaussage liegt vielmehr auf dem Prinzip…
Wer jetzt unabhängig des Prinzips mehr Lust auf die Zugspitze bekommen hat, die c’t Fotografie präsentierte die Region in ihrer Ausgabe 3/2023 auf ganzen 14 Seiten unter dem Titel „Unterwegs im Zugspitzland“. Ebenfalls das englische Online-Magazin onLandscape in ihrer Ausgabe No. 268 aus dem Jahr 2022. Wer sich mehr für den Sonnenaufgang begeistern kann, am 16. Januar geht es ebenfalls mit der Lighthouse Fotoschule zum winterlichen Morgenglühen hinauf auf Deutschlands höchsten Gipfel.