Mit dem einsetzenden Herbst rückte der Aufbruch in an die Kurische Nehrung entgegen. Eine Tour, der ich schon seit längerem entgegenfieberte. Auch wenn der 98 km lange Nehrungsbogen bedingt seiner Aufteilung und mit Blick auf die politische Lage, gerade nur auf seiner litauischen Seite erkundet werden kann, bietet die Nehrung zwischen Ostsee und Haff eine beeindruckende Landschaftskulisse, die über die Zeit von Wind, Sand und Wellen erschaffen wurde.
Wie in den Jahren zuvor, organisierte das Team von Thürmer Tours das Programm unserer Fotoreise, besten Dank an der Stelle. Treffpunkt war auch in diesem Jahr der DFDS-Terminal am Kieler Ostuferhafen. Von hier ging es mit der Aura Seaways, die etwas größer und auch schneller ist als beispielsweise die DFDS Regina oder Lisco in gut 21 Stunden über die Ostsee. Zielhafen war die litauische Hafenstadt Klaipeda an der Memel-Mündung.
Die Wettervorhersage hielt unsere Erwartungshaltung für die ersten Tage in Zaum, da sie uns bis Dienstagnachmittag ergiebigen Regen prognostiziert. Doch wie es schien, hatten sich die Elemente in der Nacht zum Montag, die wir im Memel-Hotel auf dem Festland verbrachten, sprichwörtlich ausgetobt. Bei sonniger, mit Wolken durchsetzter Witterung brauch wir nach dem Frühstück auf. Bevor wir mit der kleinen Haff-Fähre auf die Nehrung übersetzten, legten wir noch einen Zwischenstopp im Supermarkt für persönliches ein.
Auf der Nehrung angekommen, nutzten wir am Kreisverkehr hinter dem Fähranleger den nächstgelegenen Strand für einen Erstkontakt mit der baltischen Ostsee. Am Parkplatz angekommen, ragt die Stranddüne zwar steil vor uns empor, doch der tosende Klang der Brandung ließ uns die Treppen flott erklimmen. Doch bevor wir die Schaumkronen auf den Wellen erblickten, empfing uns ein frischer, steifer Wind an Kopf und Brust – erfrischend kühl nach einem so warmen Sommer!
Vor uns lag der Strand, glattgeschliffen, mit einer hoch auflaufenden Brandung, die bis auf wenige Meter an die Stranddüne heranreichte. Die grau-weißen Wolkenpakete zogen hastig über die Brandung, die sich am Strand austobte, hinweg. Es war ein erhabenes Gefühl mit dem Weitblick im Auge und dem frischen Wind auf der Haut wie in den Haaren. Durchdrungen wurde die lautstarke Brandung nach kurzer Zeit vom Juchzen meiner Mitreisenden, als sie von den Wellen am Strand begrüßt wurden und sich bis zur Wade in der Ostsee stehend wiederfanden.
Auf unserem weiteren Weg nach Nida legten wir einen Stopp auf der Bärenkopf-Düne ein. Hier bot uns die Aussichtplattform einen Blick über das Haff auf die Hafenstadt Klaipeda. Sie ist in den eisigkalten Wintermonaten übrigens der letzte eisfreie Hafen für die Handelsschifffahrt, bevor es weiter ins Baltikum und an den Bottnischen oder Finnischen Meerbusen geht. Eine beeindruckende Perspektive, bot uns auch der Blick vom Parkplatz über die offene Waldlandschaft mit der tosenden Ostsee im Hintergrund.
Weiter geht es auf der Verbindungstraße, auf der wir auch das Eintrittstour zum „Kuršių Nerijos Nacionalinis Parkas“ passieren. In Nida bzw. Nidden angekommen, statteten wir als erstes der Hohen bzw. Großen Düne (Parnidžio kopos) am südwestlichen Ortsrand einen Besuch ab. Sie ist laut wikipedia mit gut 52 m nach wie vor Europas höchste Wanderdüne – auch wenn sie durch Winderosion stetig kleiner wird. Anschließend checken wir in unserer Unterkunft, dem Nerija viešbutis restoranas ein und brechen zu einem kleinen Ortsrundgang in der ehemaligen Künstlerkolonie, die sich hier in den 1920iger Jahren etablierte. Mehr über die kunstschaffende Vergangenheit des kleinen Küstenorts, bietet euro art, sie widmen sich dem kulturellen Erbe der europäischen Künstlerkolonien.
Im Anschluss an unsere erste Ortsrunde, inklusive Heißgetränk in der warmen Nachmittagssonne machen wir uns auf den Weg an den Ostseestand auf der gegenüberliegenden Seite der Nehrung. Wie sich vor Ort dann allerdings herausstellt, sind wir gut eine Stunde zu früh am Start. Kleiner Fauxpas meinerseits, ich trieb mich noch im Europawetter des Deutschen Wetterdienstes herum und habe die Zeitverschiebung bei den Uhrzeiten nicht berücksichtigt. So schnell kann sich ein Fehler einschleichen, der sich dann allerdings als Glücksfall erwies. Denn die Brandung samt Wind hatte gegenüber den Mittagsstunden, als wir den ersten Strand erreichten, nochmal zugelegt. So ergaben sich bereits im späten Nachmittagslicht kraftvoll, bewegte „Seestücke“. Interessant bei der Witterung auch, wie sich die Bildwirkung unter dem Einsatz des Bildstils (Nikon= Picture Control) verändert. Ich habe hier mit den Einstellungen der Fuji-Filmsimulationen experimentiert.
Mittwochmorgen starteten wir direkt mit einer Strandsession. Auch wenn der Strand selbst noch im Schatten lag, ergaben sich auf diesem Weg ungewohnte Perspektiven. Wieder im Hotel angekommen, freuten wir uns auf „windstilles“ Frühstück im warmen.
Am späteren Vormittag brachen wir in Richtung Juodkrantė auf. Hier durchstreiften wir die kleine Bucht, zogen an der Mole entlang und statteten dem Küstenurwald einen Besuch ab. Dazu ein Heißgetränk samt Kuchenstück. Das eigentlich Tageshighlight erwartete uns in den Nachmittagsstunden am Ostseestrand auf der Höhe von Pervalka. Den Strandabschnitt habe ich noch vom letzten Abendshooting unserer 2022‘iger Tour im Gedächtnis: Wir erreichten den Strand seinerzeit mit dem einsetzenden Regen im Rücken und harrten im Auto der Dinge, bis der Regen weiterzog. Die Warterei wurde mit einem infernalischen Farbspiel belohnt. An diesem Nachmittag empfingen uns ähnlich düstere Wolken samt einzelner Tropfen, die sich im Wind wohl verirrten. Hier galt es, beeindruckt von der kraftvollen Atmosphäre, die uns am Strandübergang empfing sich eine Orientierung zu verschaffen um diese imposante Szenerie in ein oder auch mehrere Bilder zu übertragen.
Beseelt von diesem imposanten Naturschauspiel ging es zurück nach Nida. Während sich die einen noch über das nachmittägliche Naturschauspiel erfreuten, brach ich mit einem Teil der Gruppe auf die Hohe Düne am Ortsrand von Nida zur anstehenden Abenddämmerung auf. Hier erwischte uns dann der Regen wie einstmals in Pervalka. Wir harrten kurz der Dinge und machten uns anschließend auf den kurzen Fußweg hinauf zur Besucherplattform.
Oben angekommen zogen dunkle, dicke – langgestreckte Wolkenpakete über die Dünentäler in Richtung Haff. Um dem Vibrieren der Holzplattform zu entgehen, positionierten wir uns links der Plattform mit groben Blick nach Süden. Waren es am Nachmittag die Wolken, die uns in ihren Bann zogen, sollte es in den Abendstunden das warme Licht sein, das sich über den Dünentälern ausbreitete und uns ebenso in seinen Bann sog.
Donnerstag starteten wir nach dem Frühstück direkt an den „Toten Dünen“ (Negyvosios kopos) zwischen Pervalka und Juodkrantė. Vom Parkplatz kommend führt der Wanderweg durch den lichten Kiefernwald und mündet in einer offenen Graslandschaft, die sich Kuppe um Kuppe emporhebt. Auf offene Sandflächen stießen wir auf der küstenzugewandten Seite erst im oberen Bereich der ehemaligen Wanderdüne, die sich dann allerdings umso eindrücklicher zeigten. Oben angekommen auf der Düne genossen wir ungeachtet der zunehmenden Bewölkung die Aussicht zum Haff in, wie auch zur Ostseeseite.
Wieder am Parkplatz am Fuß der Düne angekommen, folgten wir der Straße in Richtung Juodkrantė. An der Aussichtsplattform auf der Schafsdüne (Ažuožerių kopa) angekommen, genossen wir auf der Bank sitzend, die sonnige Aussicht zwischen den Kiefern hinüber zur Ostsee. Mit einem Zwischenhalt am Thomas Mann-Haus erreichten wir wieder unsere Unterkunft.
Das geplante Abendshooting fiel sprichwörtlich ins Wasser, genauer gesagt wurde von stellenweise wolkenbruchartigen Regenfällen vereitelt. Stattdessen statteten wir vor dem Abendessen, dem Bernsteinmuseum von Kazimieras Mizgiris einen Besuch ab. Auf Kazimieras stieß ich vor einigen Jahren in einer Dokumentation der Alfred Erhahrdt-Stiftung. Er hat seine Lieblingslandschaft, die Kurische Nehrung in beeindruckenden Bildbänden einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Beispielswiese in“Wind + Sand: Curonian Spit“ oder Between Sans and Emptiness (Bestellung über das Museum möglich, ISBN: 978-609-96194-0-8).
Freitag – ernüchternde Erkenntnis: es geht zurück nach Klaipeda! Mit dem Frühstück ließen wir uns an unserem letzten Nehrungstag Zeit. Wozu auch hetzten, draußen regnete es in Strömen, da schwelgten wir lieber trocken, warm und windgeschützt in unseren Erlebnissen der vorangegangenen Tage. Bis wir mit dem Laden unseres Gepäcks fertig waren, ließ der Regen nach und die Wolken über dem Haff zeigten sich mit gut fotografierbaren Strukturen. Auf dem Weg zur Fähre nach Klaipeda, legten wir hier und da haff- wie ostseeseitig immer wieder mal einen Fotostopp ein. Auch wenn die Wälder nach dem Regen mit kräftigen Grüntönen aufwarteten, strahlt der trübe Blick hinaus aufs Haff eine spürbare Melancholie aus, die uns erneut in ihren Bann zog.
Am späten Nachmittag setzten wir schließlich mit der kleinen Haff-Fähre ans Festland über. In Klaipeda angekommen, gönnten wir uns am Theaterplatz einen Abstecher ins Etno Dvaras zum Abendessen. Mit dem Einchecken am DFDS-Terminal und dem nachfolgenden Einschiffen auf der Aura Seaways hieß es dann endgültig Abschied zu nehmen von einer beeindruckenden Landschaft die sich hier Wind, Sand und Wasser über die Zeit formte.
Die Überfahrt nach Kiel verlief ruhig. Ließen die Wellen der Ostsee die Fähre anfangs noch leicht schwanken, lag die Ostsee weiter westlich wie Blei unter unserm Rumpf. Wir genossen die Aussicht, schwelgten erneut in Erinnerungen und besprachen in der Lighthouse-Longe verschiedene Bilder, die uns am Herzen lagen. Auffällig war hier die Klarheit der Bilder, die wir auf die vom anhaltenden Wind gereinigte, sauber Luft zurückführten.
Der Blick beim Essen auf die Ostsee ließ uns gelegentlich nachdenklich werden. In den vergangenen Jahrtausenden zeigte der Blick auf das Meer Generation von Generation ein und dasselbe Bild. Heute wird dieser auf der Ostsee zusehends von dicht an dicht gedrängten Windparks zu beiden Seiten geprägt. Es wirkte ernüchtern auf uns.
Wieder am Ostuferhafen in Kiel angekommen, verabschiedeten wir uns herzlich und gingen unserer verschiedenen Wege. Die einen mit dem Auto die anderen mit mir im Taxi in Richtung Bahnhof. Gut acht Tage waren wir unterwegs, haben gemeinsam viel gesehen und erlebt. Meinen besten Dank an die Gruppe – hat Spaß gemacht mit euch!
Sonntagmorgen ging es schließlich mit dem Zug von Kiel über Hamburg nach Augsburg. Bin ich bei der Bahn auf die unterschiedlichsten Abenteuereinlagen gefasst, ging es erstaunlich ruhig und vor allem planmäßig gen Süden. Während ich auf der Zugfahrt meinen Laptop öffnete schlug mir t-online unter dem Titel „21 Stunden ab Kiel – hier endet Deutschlands längste Fährfahrt“ eine Reise nach Litauen vor. Schelm wer hierbei Böses denkt oder gar hinterfragt. Ich gönne mir stattdessen noch einmal das Essay „Nordischen sehen“ des Kulturwissenschaftlers Prof. Dr. Bernd Henningsen auf das ich vor einiger Zeit bei Recherchen stieß. Das Essay selbst stamm auf dem Sommer 2002 und erschien seinerzeit im Magazin mare, Nr. 3. Es widmet sich den Ostseeanrainern, speziell den südlichen und ihrer Liebe zum Meer. Ebenso der Meeresluft oder Künstlerkolonien, wie dem Nidden des frühen 20. Jahrhunderts, das zum „Worpswede des Ostens“ erkoren wurde. Er beschreibt die kulturelle Aufladung zwischen Stadt- und Landleben, zwischen Sommer- und Winterleben. Das sommerliche Leben das sich, wenn auch nur gelegentlich in den Ferien, am Meer und auf den Inseln – an den Ostseerändern abspielt. Das Meer als symbolische Freiheit. Lesenswert!